Sept. 8, 2007

Vorwürfe jetzt auch innerhalb der großen Koalition

All die unerbelichteten(sic!) linken Idioten, Naiven, Spinner und Amateure, Bedauernswerten, Wirrköpfe und klinisch Verrückte: [...]
Als Beschreibung für Gegener der Online-Durchsuchung erwartet man vieleicht von Bloggern, oder BILD-Lesern. Aber auch in der großen Koalition wird jetzt schon auf diese Weise argumentiert.

Ich erwähnte bereits in "Terroranschlag vereitelt":

Der Tag danach ist gewöhnlich der Tag der Warner und der Rechthaber, die stets routiniert allergrößte Gefahren beschwören. Wenn ein Ereignis nicht eintritt, haben sie durch ihren Warnruf die Katastrophe verhindert. Und wenn es doch kommt, haben sie es ja schon lange vorausgesagt.
Daher sollte es unter dem Niveau einer großen Partei sein, zu drohen die Gegner einer Maßnahme wären an potentiellen Folgen schuld.

Während die Polizeistaat-Befürworter sich über knappe 58% Befürworter der Online-Durchsuchung freuen, können andere feststellen, dass 62% dagegen sind. Es folgt natürlich, dass Umfragen, bei denen z.B. 58% von 0,012% der Deutschen für, oder eben 62% gegen eine Online-Durchsuchung sind nicht repräsentativ sind. Außerdem haben vermutlich in beiden Fällen über 90% keine Ahnung was das im Detail heißt.

Auch die Fragestellung kann einiges bewirken. Bitte beantworten Sie diese 2 Fragen:

1:

Sind Sie dafür, dass die Polizei das Recht erhält, die Computer von Terroristen zu durchsuchen, um Terroranschläge die das Leben unzähliger Menschen kosten können zu verhindern?
2:
Sind Sie dafür, dass die Polizei das Recht bekommt heimlich ihren PC zu durchsuchen, mit einem Programm das möglicherweise Daten verändert, und unter Umständen von Kriminellen als Zugang zu ihrem PC missbraucht werden könnte?
Die meisten würden vermutlich beim ersten mit Ja antworten, und beim zweiten mit Nein. Würde ich auch, wenn beides exakt der Wahrheit entsprechen würde. Vermutlich glauben die Befürworter der O.D. die erste Aussage so wie sie dort steht.

Warum ich die erste Aussage nicht glaube ist, dass es z.B. nicht ausschließlich um PCs von Terroristen geht. Weiß ich, Mr. X ist ein Terrorist(und ich habe Beweise), gehe ich hin, und verhafte ihn. Ende des Terrors. Seinen PC beschlagnahme ich, und finde dort die gesuchten Dateien. Wozu brauche ich also einen Online-Trojaner?

Ein anderer Fall ist, wenn ich mal eben 100 Leute verdächtige, oder auch mal eben 22 Millionen. Dann kann ich natürlich jedem einen Bundestrojaner schicken, und mal gucken was er denn so macht. Im Gegensatz zu 100 Hausdurchsuchungen ist das mit weniger Kosten verbunden, man findet mehr, weil die Leute dazu neigen auf ihrem Computer viel privates anzusammeln, und man muss sich nicht mit blöden Regeln wie dass ein Zeuge anwesend sein muss rumschlagen. Da es natürlich heimlich ist(sonst könnte der Verdächtige ja seinen PC vom Netz nehmen), bekommt man vermutlich nicht einmal Probleme wenn die Durchsuchung nicht gerechtfertigt war.

Die im Heise-Artikel erwähnten 49 Personen scheinen mir auch recht viel. Entweder, und das kann man sicher nicht ausschließen, handelt es sich quasi schon um eine richtige Terrororganisation, oder aber das Addressbuch des geschnappten Terroristen enthielt eben 49 Einträge. Sollte sich herrausstellen, dass nicht alle davon Terroristen sind, hätten wir schon die ersten Unschuldigen die einen Bundestrojaner zu spüren bekommen, wenn das Gesetzt durchkommt.

[UPDATE] Heise berichtet über neue Zahlenspiele:

48 Prozent der Deutschen dafür, aus Furcht vor Terroranschlägen vorübergehend Einschränkungen persönlicher Freiheitsrechte wie Netzbespitzelungen hinzunehmen. 47 Prozent sind dagegen. [...] 72 Prozent der Deutschen halten den gegenwärtigen islamistischen Terrorismus demnach für bedrohlicher als den der Roten Armee Fraktion (RAF) vor 30 Jahren. Nur 5 Prozent fühlen sich durch islamistische Terroristen persönlich bedroht.
Schließt man aus 48% dafür und 47% dagegen jetzt, dass die Mehrheit dafür ist? Oder bräuchte man dazu die Meinung der fehlenden 5%? Ist so ein knappes Ergebnis überhaupt eine Basis für eine sinnvolle Entscheidung? Egal wofür man sich entscheidet, man hat fast die Hälfte der Bürger gegen sich. Vorrausgesetzt natürlich, beide Hälften sind wirklich überzeugt von ihrer Meinung, und die Umfrage entspricht dem Stimmungsbild der Gesammtbevölkerung.

[UPDATE2] Jetzt sind es 55%.

Kategorien Politik Überwachung Sicherheit
Tagged Statistik Zahlenspiele Onlinedurchsuchung
Mobil qrcode zeigen

2 Kommentare

Kommentare
Sept. 9, 2007 07:13 - Darkster

Man muss schon sagen, da wird auf hohem Niveau debattiert. Wenn man sowas von einen CSU-Innenpolitiker hört denkt man sich auch, ob er mal darüber nachgedacht hat:"Der amerikanische Geheimdienst macht das; die anderen Geheimdienste machen es. Und Deutschland wird es auch machen, weil die SPD noch vor dem Verfassungsgerichtsurteil beidrehen wird."

Oho. Paul hat das gemacht, Jürgen auch, nun will ich das auch, Mensch :(

Will er damit wirklich irgendjemand überzeugen, so eine Aussage ist meiner Meinung höchst unqualifiziert. Und was will er damit denn aussagen? Das BKA wird nicht mehr international anerkannt, wenn es nicht die selben Methode wie das FBI hat?

Ansonsten wieder ein sehr lesenswerter Beitrag.

Gruß

Okt. 9, 2007 20:34 - laxu » Blog Archive » Schäuble droht s

[...] kann nur schon wieder die Süddeutsche zitieren: Der Tag danach ist gewöhnlich der Tag der Warner und der Rechthaber, [...]


Kommentar schreiben